Neuhaus an der Oste
 
Die Kunst und das Wattenmeer
 
 
   

Vernissage der Karl Otto Matthaei Gesellschaft e.V. am 04.07.2010 im historischen Hafen in Neuhaus zur Ausstellung „Das Wattenmeer und die Kunst“

anne wiemannZu Beginn der Vernissage im Bootshaus überraschte und begeisterte die Hamburger Musikerin Anne Wiemann mit Saxofon und Flöte die Eröffnungsgäste.Sie verstand es mittels raffinierter Technik und malerischen Tonfolgen den Zuhörern die Geräusche, den Klang und das Gurgeln des Watts sowie die Stimmen der Vogelwelt zu vermitteln.

Diese wundersamen Klänge untermalten das Gedicht „ Die Konferenz“von Elke Löwe sowie bis zum Schluss die ganze Veranstaltung.

                                                                    Bild: Musikerin Anne Wiemann

„Die Konferenz“ von Elke Loewe

Tagungsort: Salzwiesen und Wattenmeer
Thema: Die Erwärmung und Überfischung der Meere
Zielsetzung: Ursachenforschung und Schadensbekämpfung
Teilnehmer:
Kampfläufer, Säbelschnäbler, Nagelrochen, Erzwespen
Steinwälzer, Kegelrobbe, Stechrochen, Keilmelde
Schwertmuschel, Bohrmuschel, Kieselalgen
Aalmutter, Heringsmöwe,
Eiderente, Seemannshand
Echtes Tausendgüldenkraut,
Zierliches Tausendgüldenkraut,
Strand-Tausendgüldenkraut,
Plankton, Flagellaten
Queller, Andelgras,
Wollgras, Schlickgras,
Lückensegge
Rotschwingel, Rotalgen,
Grünalgen, Braunalgen,
Roter Zahntrost, Silbermöwen
Feuerqualle, Brandseeschwalbe
Fluss-Seeschwalbe, Zwergseeschwalbe
Seeregenpfeifer, Seehund, Seeskorpion,
Sandgrundel, Sandklaffmuschel
Strandwegerich, Alpenstrandläufer,
Strandkrabbe, Strandsode, Strandaster
Asterlaus, Seedahlie,
Gewöhnlicher Strandflieder
Wattwürmer, Plattwürmer,
Plattfische, Kurzflügler
Vielborster, Krebstiere
Rossmuschel, Laufkäfer, Zwergmöwe
Auster, Löffler, Hering, Stör, Garnele
Sturmmöwe, Sterntaucher
Miesmuschel, Lachmöwe
Trauerente, Lachseeschwalbe
Lungenenzian, Herzmuschel,
Ohrenqualle, Sumpfohreule
Gewöhnlicher Schweinswal, Gewöhnlicher Hornhecht,
Gestutzte Klaffmuschel, Netzreusenschnecke,
Strandwegerichgallrüsselkäfer,
Halligfliederspitzmausrüsselkäfer,
Brotkrumenschwamm,
und last, but not least, ein prächtiger Salzkäfer, der allerdings nur als Beobachter akkreditiert war und kein Stimmrecht besaß.

Nach zwei durchdiskutierten Tiden gaben alle teilnehmenden Gruppen ein knapp gehaltenes, aber einstimmiges Abschluss-Kommunique mit folgender Zielsetzung heraus:

Innerhalb eines Zeitfensters von einem Jahr soll durch eine Überpopulation aller Salzwiesen - und Wattbewohner der Meeresspiegel so hoch ansteigen, dass Deiche und Sperrwerke brechen. Am 4. Juli 2011 wird mit einem globalen Tsunami die Auslöschung der Spezies homo sapiens erfolgreich beendet.

Als dies der prächtige Salzkäfer hörte, krabbelte er flink durch die Salzwiese davon, um sich mit einer prächtigen Salzkäferin der sofortigen Umsetzung des Ziels zu widmen.

Triptychon
Triptychon von Elke Loewe, Fotokollage mit Fotos von Spuren im Watt

Passend zum Thema Watt folgte, nach dem Grußwort des Bürgermeisters Georg Martens ein Einführungsvortrag von Wolf Dietmar Stock, Kurator und erster Vorsitzender der Karl Otto Matthaei Gesellschaft. Wolf Dietmar Stock betonte in seiner Rede, dass die Künstler die Wegbegleiter des Weltnaturerbes Wattenmeer waren.

(Zitat Alfred Lichtwark) „Alles war in Licht getaucht, und das Wattgebiet war beinahe so hell und leuchtend wie der Himmel selbst. Eine eigenartige Stimmung tat sich auf: Lichte Flächen und ein farbloser Himmel in einem zwar leuchtenden, aber bleiernen Grau. Wenn man zurückblickte, wähnte man sich in einer anderen WELT.Endlos Schien die Wattfläche. Nur in der Ferne entdeckte das Auge das rosa und Grün der Watteninsel“

Der Meeresökologe Carlo van Bernem (GKSS Forschungszentrum Geesthacht) aus Bentwisch beendete die Veranstaltung mit einem Dia-Vortrag über das hochempfindliche Ökosystem an der Küste.

van Bernem
Carlo van Bernem

Die Insel (Rainer Maria Rilke)

I

Die nächste Flut verwischt den Weg im Watt,
und alles wird auf allen Seiten gleich;
die kleine Insel draußen aber hat
die Augen zu; verwirrend kreist der Deich

um ihre Wohner, die in einen Schlaf
geboren werden, drin sie viele Welten
verwechseln, schweigend; denn sie reden selten,
und jeder Satz ist wie ein Epitaph

für etwas Angeschwemmtes, Unbekanntes,
das unerklärt zu ihnen kommt und bleibt.
Und so ist alles was ihr Blick beschreibt
von Kindheit an: nicht auf sie Angewandtes,
zu Großes, Rücksichtsloses, Hergesandtes,
das ihre Einsamkeit noch übertreibt.

II

Als läge er in einem Krater-Kreise
auf einem Mond: ist jeder Hof umdämmt,
und drin die Gärten sind auf gleiche Weise
gekleidet und wie Waisen gleich gekämmt

von jenem Sturm, der sie so rauh erzieht
und tagelang sie bange macht mit Toden.
Dann sitzt man in den Häusern drin und sieht
in schiefen Spiegeln was auf den Kommoden

Seltsames steht. Und einer von den Sühnen
tritt abends vor die Tür und zieht ein Tönen
aus der Harmonika wie Weinen weich;

so hörte ers in einem fremden Hafen -.
Und draußen formt sich eines von den Schafen
ganz groß, fast drohend, auf dem Außendeich.

III

Nah ist nur Innres; alles andre fern.
Und dieses Innere gedrängt und täglich
mit allem überfüllt und ganz unsäglich.
Die Insel ist wie ein zu kleiner Stern

welchen der Raum nicht merkt und stumm zerstört
in seinem unbewussten Furchtbarsein,
so dass er, unerhellt und überhört,
allein

damit dies alles doch ein Ende nehme
dunkel auf einer selbsterfundnen Bahn
versucht zu gehen, blindlings, nicht im Plan
der Wandelsterne, Sonnen und Systeme.

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